Gott bereitet uns durch die Familie auf mehr vor

In dem Roman „Flächenland“ von Edwin A. Abbott aus dem Jahr 1884 lebt der Protagonist in einer zweidimensionalen Welt. Im Laufe der Erzählung erhält er Einsicht zunächt in eine eindimensionale, dann in die dreidimensionale und schließlich in die keindimensionale Welt. Die Einsichten, die er durch diese Erlebnisse gewinnt, sind faszinierend zu lesen – ebenso seine Begeisterung von der dreidimensionalen Erfahrung. Während sie ihn zuerst ungläubig, dann ängstlich und schließlich euphorisch macht, bekommt man als Leser eine Ahnung davon, dass auch wir durch den Erfahrungshorizont unserer vierdimensionalen Raumzeitwelt stark beschränkt sind. Vielmehr ist die Welt, in der wir leben, nur ein winziger Ausschnitt aus allem, was erschaffen wurde. Demzufolge ist das, was wir über die Welt verstehen, ziemlich sicher auch nur ein Bruchteil der gesamten Wahrheit darüber, wie diese Schöpfung in ihrer Gänze beschaffen ist.

Gott möchte – nach allem was wir über ihn wissen – jedoch, dass wir mehr verstehen. Dieses Erdenleben ist unsere Möglichkeit uns für dieses Mehr an Wissen und Fähigkeiten vorzubereiten. Für mich gibt es im Wesentlichen zwei Dinge, die uns auf der Erde gegeben sind, um diese Vorbereitung erfolgreich zu bestreiten. Das eine ist der Lehrplan – das Evangelium. Das andere ist die Lerngemeinschaft – die Familie. Familien gibt es heute in sehr vielen verschiedenen Formen und Zusammensetzungen. Wir schätzen alle davon für die guten Auswirkungen, die sie auf ihre Mitglieder und gegebenenfalls darüber hinaus haben. Wir glauben zudem, dass Gott, als er sein Wirken mit der Menschheit begann, die Familienschließung zwischen einem Mann und einer Frau als fruchtbare Keimzelle der menschlichen Gesellschaft eingesetzt hat. Doch warum hat er das getan? Warum benötigt es diese Form des Zusammengehörens?

Ich möchte dazu aus meinem eigenen Familienleben berichten und dabei auf ein paar Dinge eingehen, die ich in meiner Familie liebe und lerne und die ich als Vorbereitung auf ein mehr als dreidimensionales Leben nach diesem Erdenleben empfinde.

1. Unvoreingenommenheit

Als ich meine Frau kennenlernte, war ich ihr gegenüber völlig unvoreingenommen. Ich wusste noch nichts über ihren Charakter, ihre Vergangenheit oder ihr Umfeld. Das habe ich als sehr befreiend erlebt. Heute gibt mir unsere Beziehung die Chance diese Unvoreingenommenheit vor dem Hintergrund unserer nun gemeinsamen Erlebnisse und all meinem heutigen Wissen über meine Frau, immer wieder aufs Neue zum Leben zu erwecken.

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2. Bedingungslosigkeit

Als vor 15 Monaten unsere Tochter geboren wurde und ich sie noch im Kreissaal in meinen Armen hielt, zum ersten Mal wickelte und sauber machte, habe ich eine enorme Bedingungslosigkeit ihr gegenüber verspürt. Es war sonnenklar, dass sie in diesem Moment nichts hätte tun können, was meine Empfindungen ihr gegenüber in irgendeiner Weise hätte einschränken können. Es war eine grenzenlose Emotion.

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3. Toleranz

Natürlich hat meine Frau im Laufe unseres Zusammenseins schnell gemerkt, dass ich keineswegs der jederzeit souveräne, intelligente, sportliche und allseits beliebte Supermann bin, als der ich mich bei unseren ersten Treffen zu präsentieren versuchte. Sie und ich brauchen Toleranz und Humor, um mit unseren Unterschiedlichkeiten umzugehen. Jedesmal, wenn es mir gelingt, sie nicht nur als gegeben, sondern auch als gleichwertig mit meinen Eigenschaften zu betrachten, verschwinden die negativen Gefühle, die sie manchmal in mir wecken und ich sehe sie stattdessen mit einer wirkungsvollen Gelassenheit.

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4. Vergebung

Meine Frau und ich streiten uns nicht häufig im klassischen Sinne. Wir sind eher nicht die Personen, die sich lautstark Argumente hin und her werfen. Trotzdem haben auch wir von Zeit zu Zeit Streit auf unsere Weise. Die Momente, in denen einer von uns über seinen Schatten springt und das belastende Thema konstruktiv anspricht, gehören zu den stabilisierendsten unserer Ehe. Sie lösen uns von Ballast und festigen uns über den versöhnenden Moment hinaus.

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5. Selbstlosigkeit

Unsere Tochter macht mittlerweile auch Dinge, die uns so manches abverlangen. Es ist eine Zeit des Gebens, in der man selbst deutlich kürzer kommt als vorher. Diesen Text schreibe ich mit vielen Unterbrechungen zum Wickeln, Trösten und Wiederaufhelfen. Ein Kind gibt die Möglichkeit zu erleben, wie es ist, nicht an erster Stelle zu stehen, sondern sich für jemand anderen einzusetzen, während man sich momenteweise von den eigenen Bedürfnissen und Verpflichtungen lossagt.

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6. Wertschätzung

Dafür, dass Bedingungslosigkeit und Selbstlosigkeit keine Einbahnstraße bleiben, sorgt die Wertschätzung, die man innerhalb der Familie erfährt. Meine Frau – und künftig mit etwas Glück auch unsere Tochter – beteiligt sich an meinen Sorgen und Erfolgen. So freut sich jemand mit mir und multipliziert meine eigene Freude. Gleichzeitig bangt jemand mit mir und dividiert so meine eigene Sorge. Das beschwingt und erleichtert.

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7. Synergien

Wenn ich auf unsere nun 6 Jahre Ehe zurückblicke, kann ich feststellen wie viel weiter wir gekommen sind, als ich es vermutlich allein geschafft hätte. Und das wurde nicht dadurch möglich, dass wir immer gemeinsam mit voller Kraft an genau denselben Sachen gearbeitet hätten. Vielmehr glaube ich, dass es gerade auch dadurch möglich war, dass wir uns aufeinander eingelassen und auch etwas zugelassen haben, was zunächst nur der jeweils andere wollte. Durch die Unterstützung der Ziele und Wünsche des Partners erreicht man Dinge, die den eigenen Horizont erweitern und gemeinsames Glück schaffen, weil beide sich als Teil des Geschafften sehen.

All diese Erfahrungen haben für mich eines gemeinsam: sie wirken befreiend. Sie befreien aus den eigenen Denk- und Verhaltensmusterns, erweitern unseren Blick sowie unser Empfinden und lassen uns Welten und Dimensionen entdecken, die in anderen Personen schlummern und uns anderweitig verborgen blieben. So erleben wir durch unsere Familienbeziehungen bereits eine Welt, die uns dem näher bringt, wie die Schöpfung Gottes in ihrer Gänze beschaffen ist. So wie er es sich für uns auch insgesamt wünscht. Durch die Familie bereitet er uns auf dieses Mehr vor.

Jared Schneider

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